Gedanken zum Ahrensburg-Stellmoorer Tunneltal

Für das Tunneltal gilt (ich verkürze mal und lasse Marketing, Lokalpatriotismus und Überhöhungen weg):

Das Naturschutzgebiet dient der Erhaltung eines eiszeitlichen Tunneltales und der zugehörigen Landschaftsformen. Eine bestimmte Fauna und Flora soll erhalten, entwickelt oder wiederhergestellt werden. Außerdem sind archäologische Fundstellen und Funde geschützt.

Das hat viel mit einem musealen Anspruch zu tun. Aber praktisch heißt es, in einem NSG kann nicht gebaut werden, es dürfen keine schädlichen Einleitungen stattfinden, die ganzen Amphibien, Bodenbrüter, Kräuter nebst einbettenden Biotopen werden geschützt, gehegt und gepflegt beziehungsweise ergänzt. Dazu gehört die Erfassung des Inventars. Es wird reagiert, wenn irgendwelche Probleme auftauchen (ich habe immerhin nicht das Wort „umgehend“ in den Satz eingefügt).

Was sind denn die Probleme?

Für ein Naturschutzgebiet könnte der Standort besser sein. Es liegt zwischen einer Großstadt und einem Mittelzentrum, Wohnbebauung findet sich direkt am Gebiet; es ist deshalb einem hohen Druck durch Freizeitnutzung ausgesetzt. Landwirtschaft wird mitten im Gebiet betrieben. Es wird von Bahnlinien zerschnitten und begrenzt und von Straßen durchzogen. Die von der Eisenbahn genutzte Fläche wird durch einen Neubau der S4 ungefähr verdoppelt (zusätzliche 15-20 Hektar?). Es ist recht klein und wegen der Vielfältigkeit sind manche wertvollen Teile dann zu klein, um langfristig stabil zu bleiben.

Sein Oberflächenwasser erhält es zum großen Teil von außen. Es werden streusalzhaltiges / verschmutztes Oberflächenwasser und Deponiesickerwässer eingeleitet. Von den landwirtschaftlich genutzten Flächen kommen (mindestens nährstoffreiche) Zuflüsse. Man findet etliche invasive Arten im Gelände. Aber auch durch einheimische Arten, hier sind besonders die Wildschweine zu nennen, wird die Fauna (Bodenbrüter, Amphibien) und Flora (Kräuterfluren), sagen wir, durcheinandergebracht.

Die für den Naturschutz zuständigen Ämter sind personell und finanziell schlecht ausgestattet. Die nötige Überwachung und Pflege eines NSG kann deshalb nur unvollständig geleistet werden. Die Auftrennung der schleswig-holsteinischen Ämter in Kreis, Kommunen und andere Einheiten (hier: Landwirtschaftskammer für die Forsten) ist auch nicht förderlich.

Das Marketing des Gebiets ist zum Teil fragwürdig, wenn nicht gar skurril. Möglicherweise vorhandenes Geld wird eventuell in Prestigeobjekte gesteckt.

Das sind die lokalen Probleme.

Die übergeordneten heißen Amphibien- und Insektensterben, Stickstoffdüngereintrag durch die Luft und Klimaveränderung.

Leider muss man feststellen, dass ganz, ganz Vieles nicht zu beeinflussen ist.

Immerhin gibt es eine Akzeptanz des Gebiets in allen Bevölkerungskreisen. Das NSG besteht ja auch schon seit einiger Zeit. Und es ist tatsächlich schwer zu bebauen. Es braucht den Bund, zwei Bundesländer und außenpolitischen Druck, um hier neu zu pflastern (eine neue Bahnlinie zu bauen).

Aber: Ahrensburg könnte die Wasserbelastung verringern. Vielleicht indem das Wasser aus den Rückhaltebecken besser geklärt würde (Schilfflächen?) und die Becken öfter entschlammt werden. Anscheinend vorhandenes Geld sollte nicht in Prestigeobjekte gesteckt werden, sondern in den Naturschutz. Außerdem müssen die Wildschweine intensiv bejagt werden.

Vorschlag für eine verbesserte Dokumentation

An dieser Stelle möchte ich einen Vorschlag für eine zwar rudimentäre, aber praktikable Dokumentation von Biotopen, Tieren und Pflanzen im NSG machen. Sie hat auch den Charme der relativen Kostengünstigkeit ...

Zusätzlich zu den Projekt- und Anlassbezogenen Fotos, die in der Verwaltung vorliegen, nehme man Handyfotos mit Datum und interner GPS-Ortsbestimmung sowie Bezeichnung des fotografierten Objekts, Namen der Fotografin / des Fotografen und gegebenenfalls einigen Schlagwörtern auf einer Webseite entgegen und speichere sie zum späteren Vergleich.

Die Entgegennahme, Speicherung, Aufbereitung und Auswertung der Fotos und Daten müsste natürlich geleistet werden - eine Forumssoftware mit Formular sollte für die Entgegennahme zunächst einmal ausreichen. Was sagt denn die Firma, die Ahrensburgs Webseite pflegt, dazu?

Smartphones sind heutzutage verbreitet genug. Man würde bei solch einem Verfahren zumindest von anekdotischen Meldungen wegkommen, wie sie durch "persönliche Mitteilung" umschrieben sind. Das Problem möchte sein, dass nur relativ wenige Personen qualifizierte Aufnahmen liefern würden. Die wären aber bald bekannt und man könnte bei Auswertungen filtern.

Ich könnte mir vorstellen, dass durch so ein Projekt auch die Beschäftigung und Bindung mit dem Tunneltal verstärkt wird und dass man es bei entsprechender Aufbereitung in der Öffentlichkeit als "Nutzen moderner Technik" und "Gehen neuer Wege" gut präsentieren kann. Vielleicht ist es förderfähig ...?

Zur Ökologie des Gebiets

Noch einige ergänzende Ausführungen zur ökologischen Zweckbestimmung des NSG:

Für den ökologischen Zustand des NSG sind unmittelbar die zuständigen Behörden und Ämter sowie die Grundstückseigentümer und mittelbar Beauftragte wie Stiftungen und Verbände zuständig.

Für den hamburgischen Teil des Tunneltals gibt es seit 2015 einen Pflege- und Entwicklungsplan nebst Erhebungen des Zustands des Gebiets. Für den Ahrensburger Teil liegt ein Managementplan für die FFH-Gebiete und -Arten im Tunneltal vor.

Leider gibt es für die insgesamt rd. 290 ha des Ahrensburger Tunneltals keine auch nur halbwegs vollständigen Beobachtungsdaten von Tieren, Pflanzen und Biotopen, in denen zum Beispiel Anzahl oder Fläche und deren Entwicklung beschrieben wird – das sogenannte Monitoring. Natürlich gibt es allgemein Aufzählungen der Biotope (Birken- und Erlen-Bruchwälder, Dauergrünland, Gewässer), von seltenen Pflanzen (Knabenkraut, Laichkraut) und Tieren (Braunkehlchen, Eisvogel, Rohrweihe, Wachtelkönig) und so weiter.

Man muss sich für die Beurteilung behelfen. Die „Sahnestücke“ der Lebensraumtypen sind die genannten FFH-Gebiete. Das sind zum Beispiel „Hainsimsen-Buchenwald“ oder „Alte bodensaure Eichenwälder auf Sandebenen“. Die sind aktuell untersucht und mit dem Erhaltungszustand gut bis ungünstig beschrieben. Klingt passabel? Nur – die FFH-Gebiete umfassen bloß 29,3 ha, wird es in den 260 ha „Restflächen“ des Ahrensburger Tunneltals besser aussehen?

Und die Tiere? Im „FFH-Gebiet Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal vorkommende FFH-Arten nach Anhang II und IV der FFH-Richtlinie“ sind Schlammpeitzger (eine Fischart), Kammmolch und Moorfrosch. Diese drei Arten werden als Leitarten angesehen. Geht es denen gut und kommen sie häufig vor, sind auch die enthaltenden Gewässer, Wiesen und Wälder ökologisch in Ordnung. Die Populationsgrößen werden vom Peitzger als „verbreitet“, Molch als „verbreitet“ und Frosch als „Einzeltiere“, der Erhaltungszustand der Populationen als „ungünstig“, „gut“ und „keine Angaben“ beschrieben. Nun ja ...

Wie oben beschrieben, betreibt der Verein Jordsand seit 1984 an der Straße „Am Hagen“ einen Amphibienzaun (nebst anderen). Dort fallen die Tiere auf ihrer Wanderung vom Normallebensraum im Forst zu den Laichgewässern vor und im schwarzen Moor in Eimer. Sie werden gezählt und dann über die Straße getragen. Also praktisch ohne Verluste durch den Straßenverkehr oder durch Eintrocknen oder Gefressen werden, weil die Bordsteine nicht überwunden werden können.

Abgesehen davon, dass das jetzt generationenlange Engagement ausgesprochen verdienstvoll ist, sind auch die Datenreihen nützlich. Die Menge an Amphibien schwankt über die Jahre von wenigen bis zu hunderten Exemplaren. Da gibt es einen Zusammenhang mit dem Wetter; je kälter und ausdauernder der Winter, desto weniger Amphibien; zusätzlich wird das Kalken und Roden / Mulchen des Waldes eine Rolle spielen. Auch die Artenzusammensetzung ändert sich. Die hier interessierenden Kammmolche gab es zu Beginn selten, die Zahl stieg in den 1990ern an, jetzt sind sie wieder selten geworden.

Zum Neubau der „Hagener Allee“ gleich nebenan wurde von einem Gutachter in einer „Verträglichkeitsprüfung“ der Frage nachgegangen, ob es Amphibienwanderungen über die Straße gäbe und wie viele Tiere das seien. Das Ergebnis:„Von den insgesamt 95 dokumentierten Individuen entfallen 73 Funde (ca. 77%) aller Nachweise auf Totfunde.“ Wie viele Tiere es lebend schafften, wie viele beim Queren verstarben, aber gefressen oder weggetragen wurden, insofern von den Gutachtern nicht gezählt wurden, das ist unbekannt. Amphibien verenden in dieser Größenordnung also seit Jahrzehnten auf der Straße (seit es die Hagener Allee in dieser Form gibt), wie sie gleich um die Straßenecke mit Mühe „gerettet“ werden. Das Ganze in einem Naturschutzgebiet mit FFH-Gebietsanteil – unglaublich.

Festgestellt wurde aber auch an der „Hagener Allee“, dass der Kammmolch relativ selten ist. Man weiß also, dass die Art an sich schon selten ist und die Populationsgröße schwankt (bis zum fast nicht mehr Vorhandensein). Wenn man die Meldung von FFH-Kammmolchgebieten an die EU ernst nimmt, müsste man mehr für die Erhaltung tun. Das vermisst man – unter anderem – im Ahrensburg-Stellmoorer-Tunneltal.

Vielleicht gibt es deswegen kein Monitoring des Ahrensburg-Stellmoorer-Tunneltals. Immerhin sind im oben genannten Managementplans für die FFH-Gebiete und -Arten diverse Pflegemaßnahmen für das ganze Ahrensburger Tunneltal angeregt. Man wird sehen …